Antizionismus und Antisemitismus

Donnerstag, 12. April 2012

Was gesagt werden muss – und was uns die Kontroverse um das Grassgedicht lehrt

Wer die israelische Regierungspolitik beim Namen nennt, wer öffentlich feststellt, daß Israel den Iran mit einem Angriffskrieg bedroht, wer feststellt, daß die isarelische Regierung das Völkerrecht ignoriert, daß sie in Israel und den besetzten Gebieten die Menschenrechte der Palästinenser mit Füßen tritt und ein brutales Apartheidregime errichtet hat und dementsprechend die Politik der bedingungslosen Unterstützung der israelischen Politik durch die herrschende Klasse der BRD kritisiert, muß hierzulande damit rechnen, von Hetzern wie Henryk M. Broder ("Der Prototyp des gebildeten Antisemiten") und seinen publizistischen Freunden als antisemitisch bezeichnet zu werden.

Aber schon allein die Kritik an den israelischen Kriegsdrohungen gegen den Iran genügt, um Leute wie Broder und seine publizistischen Freunde zum Schäumen zu bringen. Auch wenn die klügeren Unterstützer des zionistischen Kolonialsiedlerstaates zugestehen, daß Kritik an der israelischen Regierung nicht gleichbedeutend ist mit Antisemitismus, lassen sie in aller Regel kaum eine Gelegenheit aus, sich in der einen oder anderen Form an der Hetzkampagne der prozionistischen Hardliner zu beteiligen. Ein Musterbeispiel hierfür liefert der Kommentar von Sebastian Hammelehle bei Spiegel-Online: „Es ist geschmacklos, wenn ausgerechnet Deutsche den Israelis erklären, was sie zu tun haben. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik allerdings hat sich ein prominenter Intellektueller auf so eitle Weise mit so dumpfen Klischees gegen Israel gestellt.“ Jan Fleischhauer äußert an gleicher Stelle: „Die brennende Sorge um Frieden und Gerechtigkeit gehört zur Etikette der politisch bewegten Intelligenz, darunter macht es der engagierte Künstler nicht. Aber diese Begründung ist Mummenschanz.“ Und schlußfolgert:„Grass besetzt die Täterrolle neu“.

Obwohl allein schon die Reaktionen auf sein Gedicht plausibel machen, daß Grass gute Gründe für sein Zögern hatte, seine Kritik an der israelischen und der deutschen Politik zu veröffentlichen, wird behauptet, jeder könne hier problemlos seine Meinung zur israelischen Politik äußern. Es stimmt. Kritik an der israelischen Politik wird in der BRD nicht unter Strafe gestellt. Mit einem extrem negativen Medienecho muß ein Kritiker aber leben können. Selbst ein so prominenter Schriftsteller sozialdemokratischer Orientierung wie Grass muß damit rechnen, daß seine Motive in Frage gestellt werden und daß ihm verbreitet unterstellt wird, ihn treibe seine Vergangenheit oder doch seine eitelkeit. Und selbst die inkompentesten Chargen der parlamentarischen Parteien dürfen ihm in den herrschenden Medien Ahnungslosigkeit unterstellen.

Die ganze Kampagne gegen Grass könnte von ihren Betreiben unter dieses Motto gestellt werden: Wir lassen uns unser imperialistisches Weltbild nicht kaputt machen; wir wollen an der Propagandalüge festhalten, daß der Iran ein atomarer Aggressor ist; wer die zionistische Verfasstheit Israels in Frage stellt, der darf trotz anderslautendem Völkerrecht über keine atomare Produktionstechnologie verfügen und zum Aggressionsobjekt gemacht werden und überhaupt haben Deutsche in Sachen Israel zu schweigen.

Es drängt sich der Eindruck auf, als wollten die deutschen Medienkonzerne um jeden Preis eine sachorientierte Diskussion der deutschen Nahostpolitik verhindern.

Dieter Elken, 12.04.2012
*****

Wir dokumentieren:

Was gesagt werden muss
Von Günter Grass


"Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir - als Deutsche belastet genug - Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen."

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