Sonntag, 9. Juni 2013

Veranstaltung 15.6.2013: Die Anti-Atom-Bewegung und die Arbeiterbewegung in Japan

Vom 14. bis zum 18.6.2013 weilt eine Delegation japanischer Aktivisten in Berlin.
Sie vertreten
- das Internationale Arbeiter-Solidaritätskomitee von Doro-Chiba (IASK-DC), repräsentiert durch Nobuo Manabe
- die Nationalkonferenz für den weltweiten sofortigen Stopp aller Atomkraftwerke (NAZEN), repräsentiert durch Yosuke Oda
- die Gruppe „Frauen aus Fukushima gegen Atomkraftwerke“, repräsentiert durch Chieko Shiina.

Vom 15.6. - 17.6. gibt es zahlreiche Gelegenheiten für einen intensiven Gedankenaustausch zwischen deutschen Aktivisten und den japanischen Besuchern.
Am 15.6.2013 um 18 Uhr Veranstaltung zum Thema in Berlin mit Kurzfilmen, Vorträgen und Diskussion
Komel (kurdischer Verein), Burgsdorfstrasse 1 / Ecke Müllerstraße

Doro-Chiba ist eine unabhängige Eisenbahner-Gewerkschaft, entstanden 1979 im Rahmen des Kampfes gegen den Bau des Großflughafens Narita, ein Kampf, den sie unterstützte, und gegen die Privatisierung der Japanischen Staatsbahn JNR. Dieser kämpferische Verband ist nicht nur auf die Interessen der japanischen Eisenbahner ausgerichtet. Er ist die treibende Kraft einer wachsenden klassenkämpferischen und klassenorientierten Arbeiterbewegung über die Grenzen der Branchen und Verbandszugehörigkeiten hinweg.
Ein wichtiges Anliegen des Internationalen Arbeitersolidaritätskomitees von Doro-Chiba ist der Aufbau weltweiter Kontakte zu klassenorientierten und klassenkämpferischen Aktivisten, wie er bereits seit Jahren nach Korea und an die Westküste der USA besteht. Seit 2009 gibt es auch zunehmend Kontakte nach Deutschland.

NAZEN ist die „Nationalkonferenz für den sofortigen und weltweiten Stopp aller Atomkraftwerke“ und entstand im Rahmen der wachsenden Anti-AKW-Bewegung nach der Reaktorhavarie von Fukushima. NAZEN stellt in dieser Bewegung den „harten Kern“ dar und trägt die Ziele des Kampfes gegen AKWs in breiteste Bevölkerungskreise hinein. Naturgemäß ist diese Koalition vor allem in der Region Fukushima stark.
Die „Frauen von Fukushima“ entstanden als Gruppe aus Anwohner-Initiativen der von der Havarie betroffenen Region (Präfektur Fukushima und die umliegenden). Sie machten durchaus auch international von sich reden durch einen Dauer-Sitzstreik in Zelten vor dem japanischen Ministerium für Technologie, Wissenschaft und Wirtschaft (METI). Sie waren Trägerinnen des Projektes eines selbstverwalteten (und kostenlosen) Gesundheitszentrums in Fukushima-Stadt.

Internationale Solidarität darf sich nicht nur auf papierne Deklarationen beschränken. Der Aufbau persönlicher und direkter Kontakte ist ebenso unumgänglich wie die Suche nach Aktionsformen praktischer Solidarität über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg, weltweit.

Am 15.6.2013 um 18 Uhr Veranstaltung zum Thema in Berlin mit Kurzfilmen, Vorträgen und Diskussion
Wo? Komel (kurdischer Verein), Burgsdorfstrasse 1 / Ecke Müllerstraße (links neben der SPD und dem Prime Time Theater). Anfahrt: U/S-Bahnhof Wedding, dann Müllerstrasse ca 200 m
Veranstalter: Danketsu-Blog in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Arbeitersolidaritätskomitee von Doro-Chiba
Unterstützer: Aktionsausschuss 100% S-Bahn, Gruppe Arbeiterpolitik, Forum Betrieb - Gewerkschaft - Soziale Bewegung, Klassenkämpferischer Block Berlin, Marxistische Initiative, Revolutionär-Sozialistischer Bund, und andere

Danketsu Blog (Berlin)
Internationale Kurznachrichten zu Arbeits- und Arbeiterkämpfen. Inspiriert von der japanischen Eisenbahnergewerkschaft Doro-Chiba
Web: danketsu.twoday.net
E-Mail: danketsu[at]gmx.de
„Danketsu“= Solidarität, unbedingter Zusammenhalt

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima - Ökologische und soziale Folgen

Die Naturfreunde, unterstützt vom Alternativen Projektraum Königs Wusterhausen und vom Sozialforum KW laden ein:

Einführung, kommentierte Kurzfilme
anschließend Diskussion mit japanischen Aktivisten

wann: Montag, den 17. Juni 2013, 18:30 Uhr
wo: Bürgerhaus „Hanns Eisler“, Eichenallee 12, Königs
Wusterhausen, Großer Saal

Berichte von direkt betroffenen Aktivisten aus Japan:
Nobuo Manabe von der unabhängigen Eisenbahnergewerkschaft Doro-Chiba (IASK-DC)
Japanische Gewerkschafter verweigern bis heute die Wiederinbetriebnahme eines verstrahlten Zuges.
Yosuke Oda als Vertreter der Nationalkonferenz für den weltweiten sofortigen Stopp aller Atomkraftwerke (NAZEN)
Diese Organisation ist der „harte Kern“ der japanischen Anti-AKW-Bewegung. Gerade in der Region Fukushima hat sie großen Zulauf.
Chieko Shiina von der Gruppe „Frauen aus Fukushima gegen Atomkraftwerke“
Die Gruppe ging aus einem Sitzstreik vor dem japanischen Ministerium für Technologie, Wissenschaft und Wirtschaft zur Erzwingung der Einrichtung kostenloser Gesundheitszentren in der Region Fukushima hervor.

Mittwoch, 5. Juni 2013

DIE KOMMENDEN AUFSTÄNDE IN SÜDEUROPA – WAS TUN?

Mit: OLIVIER BESANCENOT (NPA, ehemaliger Präsidentschaftskandidat in Frankreich, spricht zur Perspektive gemeinsamer Kämpfe gegen Krise und Sparpakete in Europa, zum ersten Mal in Deutschland. Für Hintergrundinformationen: http://tinyurl.com/ap2dxlo)

CHARLES-ANDRÉ UDRY (Ökonom, aktiv bei Syriza/Projekt R, wird eine vertiefte Analyse über die Situation in Griechenland und die dortige Linke machen)

KEVIN OVENDEN (ist aktiv beteiligt an der Initiative des Regisseurs Ken Loach zur Neuformierung der radikalen Linken in England)

Freitag, 14. Juni um 18 Uhr im IG Metall Haus, Großer Saal
Alte-Jakob-Straße 149
U6/U1 U Hallesches Tor

Die Veranstaltung wird simultanübersetzt. Einlass ab 17 Uhr.
Stände politischer Organisationen und Initiativen sind möglich und erwünscht.

Veranstalter: Diskussionsprozess für eine neue antikapitalistische Organisation NAO (www.nao-prozess.de[http://www.nao-prozess.de/])
unterstützt von: SIB, GAM, RSB, ISL, ARAB, Syriza Berlin

Eunuchen – Klassenkämpfer

Eunuchen hatten im antiken China nicht nur die Aufgabe, die Konkubinen der Kaiser zu bewachen, sondern auch, dem erlauchten Kaiser beizubringen, wie mit ihnen umzugehen war. Von daher der geflügelte Spruch: Eunuchen wissen ganz genau, “wie es geht”, aber sie sind leider leider völlig unfähig, es selbst zu tun.
Aus diesem geflügelten Spruch hatte ich unlängst den Begriff “Eunuchen-Trotzkisten” geschaffen.
Die Analogie: Viele Trotzkisten (oder “Trotzkisten”) wissen ganz genau, “wie es geht”, sind aber leider leider völlig unfähig, es auch zu tun.
Dies beziehe ich auf eine verbreitete Unart speziell im europäischen Nachkriegstrotzkismus, nämlich die eigene Praxis auf die Propagierung von Losungen, konkret sogenannten Übergangsforderungen, zu reduzieren.
Von dieser Sorte gibt es eine ganze Menge Schattierungen und Strömungen.
Was dabei gern vergessen wird: Losungen sind nicht abstrakt, im Ozean der Abstraktionen, “richtig” oder “falsch”, sondern nur und ausschließlich im Zusammenhang mit einer konkreten Bewegung.
Eine Losung ist immer nur so viel wert, wie sie Menschen “in Bewegung setzt”, zu einer Aktion vereint.

Doch das Eunuchentum ist keineswegs auf Trotzkisten beschränkt, die deutsche Linke ist reichlich gesegnet mit Leuten, die “genau wissen”, wie es richtig geht und wie das “richtige Bewusstsein” auszusehen hat.
Ein Beispiel ist dieser Kommentar, der es deswegen verdient, gewürdigt so werden, weil er so verdammt symptomatisch ist:
http://www.nao-prozess.de/blog/solidaritaet-mit-dem-streik-bei-edeka-nordbayern/#comment-94648
Ich hatte mich bisher eines Kommentares zum Kommentar dieses Gerion enthalten, und zwar aus folgendem Grund: Die Kolleg/inn/en von Edeka aus Nordbayern hatten natürlich sämtliche Links verfolgt, die auf ihren Arbeitskampf hinwiesen. Auf meinem eigenen Block stiegen die Zugriffszahlen kurzfristig dramatisch an, und zwar genau auf diesen Artikel. Und dass die Kolleg/inn/en im NAO-Blog mitgelesen haben, brauche ich wohl nicht zu beweisen, siehe oben.
http://www.nao-prozess.de/blog/solidaritaet-mit-dem-streik-bei-edeka-nordbayern/#comment-94665
Noch Fragen?
Gratulation, NAO-Prozess, wenn das das “hohe theoretische Niveau” deines Fussvolkes ist!
Was soll man darauf antworten?
Etwa auf einem “hohen theoretischen Niveau” die Bedeutung von Praxis erklären?
Mir fehlen wirklich die Worte.
Aber wer unbedingt ein Zitat braucht, um das zu begreifen, bitte, hier ist eins:

“Die Taktik der Einheitsfront ist das Angebot des gemeinsamen Kampfes der Kommunisten mit allen Arbeitern, die anderen Parteien oder Gruppen angehören, und mit allen parteilosen Arbeitern zwecks Verteidigung der elementarsten Lebensinteressen der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie. Jeder Kampf um die kleinste Tagesforderung bildet eine Quelle revolutionärer Schulung, denn die Erfahrungen des Kampfes werden die Werktätigen von der Unvermeidlichkeit der Revolution und der Bedeutung des Kommunismus überzeugen.
Eine besonders wichtige Aufgabe bei der Durchführung der Einheitsfront ist die Erreichung nicht nur agitatorischer, sondern auch organisatorischer Resultate. Keine einzige Gelegenheit darf verpaßt werden, um in der Arbeitermasse selbst organisatorische Stützpunkte (Betriebsräte, Kontrollkommissionen aus Arbeitern aller Parteien und Parteilosen, Aktionskomitees usw. zu schaffen.
Das Wichtigste in der Taktik der Einheitsfront ist und bleibt die agitatorische und organisatorische Zusammenfassung der Arbeitermassen. Der wirkliche Erfolg der Einheitsfronttaktik erwächst von “unten”, aus den Tiefen der Arbeitermasse selbst.”


Das ist aus den Leitsätzen der Kommunistischen Internationale zur Einheitsfront der Arbeiter.

Solche Überlegungen sind vielen in diesem NAO-Prozeß völlig fremd, man hat sich ja auch teilweise vom “Leninismus” (was immer darunter verstanden wird) verabschiedet.
Stattdessen wird viel von “Bewusstsein” geredet, das man in der deutschen Arbeiterklasse “schaffen” will. Tatsächlich wird auf die profane Realität der wirklichen deutschen Arbeiterklasse verächtlich herabgeschaut, stattdessen sollen “Generalstreiks” in Griechenland oder Spanien die Erlösung bringen.

(Wie realistisch solche “Generalstreiks” derzeit noch sind, lasse ich mal unerörtert. Dort leben auch mehrheitlich Menschen wie du und ich, die so “unbewusst” und “gewöhnlich” sind wie die Kolleg/inn/en von Edeka in Nordbayern)

Solche Details wie dieser Kommentar von diesem Gerion beleuchten viel greller und deutlicher die tatsächliche gegenwärtige Realität des NAO – Prozesses, nämlich der völlig praxisferne Zustand des Bewusstseins vieler Akteure.
Leider ist es so.

Das Eunuchentum ist also nicht nur vielen Trotzkisten zu eigen.
Darüber hinaus gibt es offensichtlich auch die Kategorie “Eunuchen – Klassenkämpfer” oder “Eunuchen – Revolutionär”, der genau weiß, dass der bürgerliche Staat “zerschlagen” werden muss.
Das ist auch in einer “breiten NAO” nicht viel anders, nur eben “breiter”.

Für verständigere Leserinnen und Leser füge ich noch etwas hinzu, da ich nicht nur stänkern will.
Ohne eine vertrauensbildende Praxis des “gemeinsam kämpfens” mit den “profanen” und “gewöhnlichen” Arbeiterinnen und Arbeitern wird es weder eine NAO, noch eine Revolution, noch eine Räterepublik, noch irgend etwas sonst geben (außer der fortdauernden kapitalistischen Realität).

Wer unter den “revolutionären Linken” aber hat auf seinem hohen theoretischen Ross schon die praktische Reife dafür? Das ist keine Frage der numerischen Stärke, denn selbst mit kleinen Dingen läßt sich viel bewirken.

Erstveröffentlichung:
http://bronsteyn.wordpress.com/2013/06/05/eunuchen-klassenkampfer/

siehe dazu auch folgenden weiterführenden Artikel:
http://www.marxismus-online.eu/display/dyn/xc32ec6c0-87b1-11e2-85c9-adbac92f60d0/content.html

Donnerstag, 30. Mai 2013

Besuch japanischer Aktivisten und Gewerkschafter in Berlin

Vom 14. bis zum 18.6.2013 weilt eine Delegation japanischer Aktivisten in Berlin.

Sie vertreten
- das Internationale Arbeiter-Solidaritätskomitee von Doro-Chiba (IASK-DC), repräsentiert durch Nobuo Manabe
- die Nationalkonferenz für den weltweiten sofortigen Stopp aller Atomkraftwerke (NAZEN), repräsentiert durch Yosuke Oda
- die Gruppe „Frauen aus Fukushima gegen Atomkraftwerke“, repräsentiert durch Chieko Shiina.
Am 15.6.2013 wird eine Veranstaltung in Berlin mit unseren Gästen stattfinden (Ort und genaue Zeit stehen noch nicht fest). Vom 15.6. - 17.6. gibt es zahlreiche Gelegenheiten für einen intensiven Gedankenaustausch zwischen deutschen Aktivisten und den japanischen Besuchern.
Doro-Chiba ist eine unabhängige Eisenbahner-Gewerkschaft, entstanden 1979 im Rahmen des Kampfes gegen den Bau des Großflughafens Narita, ein Kampf, den sie unterstützte, und gegen die Privatisierung der Japanischen Staatsbahn JNR.
Seit damals leistete sie konsequent Widerstand gegen die Zerschlagung der Japanischen Staatsbahn JNR - und auch nach ihrer Zerschlagung durch den Staat - gegen die neoliberale Welle der Privatisierung, des Outsourcing, der Prekarisierung, nicht nur der Eisenbahnen, sondern aller Sektoren der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Dieser kämpferische Verband ist nicht nur auf die Interessen der japanischen Eisenbahner ausgerichtet. Er ist die treibende Kraft einer wachsenden klassenkämpferischen und klassenorientierten Arbeiterbewegung über die Grenzen der Branchen und Verbandszugehörigkeiten hinweg.
Ein wichtiges Anliegen des Internationalen Arbeitersolidaritätskomitees von Doro-Chiba ist der Aufbau weltweiter Kontakte zu klassenorientierten und klassenkämpferischen Aktivisten, wie er bereits seit Jahren nach Korea und an die Westküste der USA besteht. Seit 2009 gibt es auch zunehmend Kontakte nach Deutschland.
NAZEN ist die „Nationalkonferenz für den sofortigen und weltweiten Stopp aller Atomkraftwerke“ und entstand im Rahmen der wachsenden Anti-AKW-Bewegung nach der Reaktorhavarie von Fukushima. NAZEN stellt in dieser Bewegung den „harten Kern“ dar und trägt die Ziele des Kampfes gegen AKWs in breiteste Bevölkerungskreise hinein. Naturgemäß ist diese Koalition vor allem in der Region Fukushima stark.
Die „Frauen von Fukushima“ entstanden als Gruppe aus Anwohnerinitiativen der von der Havarie betroffenen Region (Präfektur Fukushima und die umliegenden). Sie machten durchaus auch international von sich reden durch einen Dauer-Sitzstreik in Zelten vor dem japanischen Ministerium für Technologie, Wissenschaft und Wirtschaft (METI). Sie waren wesentliche Trägerinnen des Projektes eines selbstverwalteten (und kostenlosen) Gesundheitszentrums in Fukushima-Stadt, wo es den Anwohnern möglich ist, sich auf radioaktive Belastung untersuchen und prüfen zu lassen.
Für den Besuch der japanischen Gäste und die Veranstaltung am 15.6.2013 haben zahlreiche Gruppen und Initiativen in Berlin schon ihre Unterstützung zugesagt. Für praktische Beiträge und Unterstützung bei Organisation und Mobilisierung sind wir sehr dankbar.
Internationale Solidarität darf sich nicht nur auf papierne Deklarationen beschränken. Der Aufbau persönlicher und direkter Kontakte ist ebenso unumgänglich wie die Suche nach Aktionsformen praktischer Solidarität über die Grenzen von Ländern und Kontinenten hinweg, weltweit.
Wir laden alle angesprochenen Gruppen und Initiativen, alle Leserinnen und Leser dieses Textes dazu ein, dazu beizutragen, und bitten um Rückmeldung an die unten angegebene Mailadresse.

Es lebe die internationale Solidarität!

Danketsu! ("Solidarität, Zusammenhalt")
Ganbaro! ("Kämpfen wir gemeinsam")

Danketsu Blog (Berlin)

Web: danketsu.twoday.net
E-Mail: danketsu[at]gmx.de

Freitag, 24. Mai 2013

Fukushima-Anti-Atom-Aktion am 11.März 2013

http://www.youtube.com/watch?v=PpVp4hABecQ&feature=youtu.be

Donnerstag, 23. Mai 2013

Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme

Ein Beitrag zur Diskussion um die „Neue Antikapitalistische Organisation“
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(Folgender Artikel erschien erstmals am 6. März 2012 im Blog bronsteyn.wordpres.com. Hier werden die grundlegenden Aspekte der praktischen Orientierung und Linie der "Klassenorientierten Arbeiterbewegung" beschrieben. Der Text wurde in Grammatik und Rechtschreibung sowie einzelnen Formulierungen geringfügig korrigiert)
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Viele kennen diesen Satz und zitieren ihn gerne, vor allem wenn sie Programm-Diskussionen kritisieren wollen. Doch es ist wichtig, den Zusammenhang und Kontext dieses Satzes auch zu kennen. Er stammt aus einem Brief von Karls Marx an Wilhelm Bracke im Mai 1975. Marx und Engels hatten scharf gegen das Gothaer Programm Stellung genommen, auf dessen Grundlage sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (sogenannte Eisenacher) zusammengeschlossen hatten:

Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. Konnte man also nicht – und die Zeitumstände ließen das nicht zu – über das Eisenacher Programm hinausgehn, so hätte man einfach eine Übereinkunft für Aktionen gegen den gemeinsamen Feind abschließen sollen. Macht man aber Prinzipienprogramme (statt diese bis zur Zeit aufzuschieben, wo dergleichen durch längere gemeinsame Tätigkeit vorbereitet war), so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sie die Höhe der Parteibewegung mißt.

http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1875/05/briefbracke.htm

Marx nimmt also nicht grundsätzlich gegen ein Programm wie das genannte Eisenacher Stellung, sondern gegen „ein Dutzend Programme“, bzw den Streit darum.
Bedeutsam finde ich, dass Marx „eine längere gemeinsame Tätigkeit“ zur Voraussetzung eines Programms macht, das über ein vorhandenes hinausgeht.
Wie verhält es sich in diesem Zusammenhang mit der Initiative der SIB „Neue Antikapitalistische Organisation – na endlich“?

Die Chefs der Lassalleaner kamen, weil die Verhältnisse sie dazu zwangen. Hätte man ihnen von vornherein erklärt, man lasse sich auf keinen Prinzipienschacher ein, so hätten sie sich mit einem Aktionsprogramm oder Organisationsplan zu gemeinschaftlicher Aktion begnügen müssen.

Kommen hier kleine isolierte linke Gruppen zusammen, weil sie die Verhältnisse dazu zwingen? Wahrscheinlich schon, ehrlich gesagt. Das ist ja auch durchaus nicht verwerflich.

Doch bis jetzt verläuft die Diskussion hauptsächlich entlang dessen, was man (durchaus positiv) als Kampf um Prinzipien verstehen könnte. Grundsätzlich gibt es da die Extreme Prinzipienreiterei und Prinzipienschacherei. Was mag schlimmer sein? Wie wärs erst einmal mit einem Organisationsplan zu gemeinschaftlicher Aktion?

Hier ist einer: Das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung. Es ist nicht von mir entwickelt worden, sondern von der ältesten und wahrscheinlich größten trotzkistischen Organisation der Welt, der japanischen Revolutionär-Kommunistischen Liga (JRCL), auch „Chukakuha“ genannt. Ich habe die Grundlinien dieses Konzeptes in Theorie und Praxis studiert und befunden, das es in jeder Hinsicht den Vorstellungen von Marx, Engels und Lenin entspricht, aber auf eine gewisse methodische Weise neu und klar formuliert.

Hiermit stelle ich es in Deutschland vor.

Organisation der Arbeiter und Organisation der Revolutionäre

Bei allen künftigen Prozessen der Annäherung (oder auch nicht) ist die Tatsache ins Bewusstsein zu bringen, dass nicht nur die Ebene der Organisation der Revolutionäre (Lenin) in einem desolaten Zustand ist, sondern auch die Ebene der Organisation der Arbeiter ("Gewerkschaftliche" Ebene, keineswegs bezogen nur auf existierende "Einheitsgewerkschaften")). Diese Ebene braucht, wie immer irgendwelche Fusionsprozesse auch verlaufen mögen, eine strategische Antwort durch eine wahrhaftige Organisation der Revolutionäre, und wenn es eine solche noch nicht gibt, dann durch diejenigen Kräfte, die eine solche schaffen wollen.
Klassenorientierte Arbeiterbewegung in 13 Punkten

Das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung, das eine strategische Leitlinie sowohl für die Organisation der Arbeiter als auch die Organisation der Revolutionäre darstellt, basiert auf folgenden Grundlagen:

1. Das Proletariat (die Klasse der Besitzer bloßer Arbeitskraft) stellt im 21. Jahrhundert die Mehrheit der Bevölkerung, nicht nur in einzelnen Ländern wie Deutschland oder Japan, sondern weltweit. Diese Klasse wird in ihrer Komplexität und ihrer Grösse meist nicht gesehen und sieht sich auch selbst nicht so. Es ist ein schlafender Riese, der aufgeweckt werden muss.

2. Die durchgängige Kontrolle kapitalistischer Apparate über die Organisationen dieser Klasse ist der wichtigste Grund, dass diese Klasse nicht nur nicht ihre historische Mission erfüllen kann, sondern auch nicht selbst die Lösung ihrer dringensten sozialen Probleme angehen kann.

3. Notwendig ist die Schaffung einer klassenorientierten Arbeiterbewegung als Strömung innerhalb der Klasse, und zwar weltweit. Die Aufgabe einer solchen Strömung ist es, die Interessen des Proletariats in seiner Gesamtheit zum Ausdruck zu bringen und die Hegemonie kapitalistischer Apparate über die Klasse zu brechen. Es handelt sich im wesentlichen auch um eine Hegemonie über das Bewusstsein (subjektiver Faktor).

4. Diese klassenorientierte Arbeiterbewegung geht grundsätzlich von der Unvereinbarkeit der sozialen Interessen des Proletariats und denen der Kapitalbesitzer aus und schließt die Möglichkeit der Aussöhnung dieser Gegensätze aus.

5. Die klassenorientierte Arbeiterbewegung handelt in allen ihren Aktivitäten immer auf die Gesamtinteressen der eigenen Klasse orientiert und reduziert sich nicht auf sektorielle Perspektiven (z.B. die Interessen nur der Lokführer oder nur der unbefristet Festangestellten).

6. Sektorielle Begrenzungen und Beschränkungen, Trennungslinien nationaler, kultureller, soziokultureller oder geschlechtlicher Art müssen beständig überwunden werden zugunsten einem zusammenfassenden Gesamtinteresse der Klasse.

7. Wiederbelebung der Gewerkschaften ist ein zentrales Element dieser Ausrichtung, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn. Gewerkschaften (daneben auch proletarische Genossenschaften) sind die historischen und natürlichen Organisationsformen der Arbeiterklasse. Die Bürokratisierung der konkreten Verbände (z.B. DGB) und ihre Verwandlung in versicherungsartige Dienstleistungsunternehmen (letztlich im Dienst des Kapitals) ist den Interessen der Klasse entgegengesetzt. Die Wiederbelebung der Gewerkschaften in ihrer eigentlichen Funktion ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit.

8. Wiederbelebung der Gewerkschaften betrifft nicht nur die Demokratisierung der existierenden Verbände und ihre Transformation in Organe des Klassenkampfes, sondern auch diejenigen Teile des Proletariats, die nicht organisiert sind. Hier ist es notwendig, jede Art der Organisierung zu unterstützen, die die proletarischen Interessen zum Ausdruck bringt. Auch Stadtteilinitiativen und Komitees können insofern Bestandtteil der Wiederbelebung der Gewerkschaften sein.
Hinweis: in Japan gibt es neben den existierenden Branchengewerkschaften und ihren Dachverbänden auch sogenannte „amalgamisierte Gewerkschaften“ auf regionaler Wohnbezirks- und Stadtteilebene, die branchenübergreifend unorganisierte Arbeiter erfassen.

9. Die Klassenorientierte Arbeiterbewegung muss zunächst notwendigerweise als (formlose) Bewegung und Strömung beginnen, sich verbreitern und letztlich zum Ausgangspunkt von Klasseneinheit (gegen die kapitalistische Klasse) werden. Sie wird zu einer Strömung vereinen: Aktivistengruppen innerhalb der bestehenden Verbände, selbstermächtigte (autonome) Betriebsgruppen, Arbeitslosen-Gruppen, Stadtteil- und Mieterkomitees, gesellschaftliche Bewegungen mit proletarischer Ausrichtung.

10. Solidarität muss ein wichtiges Element der Klassenorientierten Arbeiterbewegung sein. Der japanische Begriff „Danketsu“ bringt dies noch besser mit seinem spezifischen Inhalt von „unbedingtem Zusammenhalt“ zum Ausdruck. Es muss eine Gewohnheit werden, isolierte sektorielle Kämpfe zu unterstützen und die praktische Erfahrung von „Danketsu“ zu schaffen. Diese Ebene ist fast noch wichtiger, aber mindestens genau so wichtig wie die Ebene der Losungen und Forderungen. Eine Arbeiterklasse, die sich gewohnheitsmässig mit allen ihren kämpfenden Bestandtteilen solidarisiert, ist auch in der Lage, die Führung der gesamten Gesellschaft zu übernehmen.

11. Die Erfahrung von konkretem „Danketsu“ schafft elementares Klassenbewusstsein und die Voraussetzung für komplexes (revolutionäres). Teilelemente dessen sind Faktoren wie gegenseitige Hilfe (auch im Alltag), Einfühlungsvermögen, Kommunikationskompetenz, eine konstruktive und solidarische Diskussions- und auch Streitkultur (innerhalb der Klasse, versteht sich, nicht gegenüber dem Klassengegner). „Danketsu“ bedeutet auch, dass „niemand im Stich gelassen“ wird und spricht auch die Emotionen der Klasse an („Einer für alle, alle für einen“).
Hier ist die Zusammenarbeit in der klassenkämpferischen Praxis der Kernpunkt.

12. Es ist auch Aufgabe der revolutionären Kerne (der Vorläufer einer Organisation der Revolutionäre), ein solches elementares Klassenbewusstsein bei seiner Entstehung zu unterstützen und zu fördern. Die Reduzierung der eigenen Aktivitäten auf die Propagierung denkbarer Übergangsforderungen bewirkt allein rein gar nichts.

13. Eine Organisation der Revolutionäre kann sich sinnvollerweise nur im Zusammenhang mit dem Aufbau einer Klassenorientierten Arbeiterbewegung (Ebene der Organisation der Arbeiterklasse) sinnvoll formieren. Nur in einem solchen praktischen Zusammenhang kann sie sich aus vorhandenen Organisationsansätzen in einem geduldigen Prozess der Diskussion, des Austausches, der Kritik, der geduldigen praktischen Zusammenarbeit herausbilden und letztlich auch in konkreten Fusionen (Zusammenschlüssen) münden.

Konkret

Sind wir uns wohl darüber einig, dass eine breite diffus angelegte linksradikale Mischmaschorganisation “links von der Linken” kein Fortschritt gegenüber der bestehenden zersplitterten Situation darstellen würde? Noch viel weniger, wenn sie gar auch noch auf Teilnahme an bürgerlichen Wahlen fixiert wäre. Zentrale Linie meines Vorschlages ist die Orientierung auf eine gemeinsame Praxis, aus der im Erfolgsfalle auch eine Annäherung auf theoretischen Gebieten erfolgen kann (das Sein bestimmt das Bewusstsein):

- zur Wiederbelebung der Gewerkschaften (und einem ganz allgemeinen und umfassenden Sinn, nicht auf DGB-Gewerkschaften beschränkt)

- die Schaffung einer klassenorientierten Arbeiterbewegung (die verbandsübergreifend sein muss und auch die Sektoren einschliesst, die etwa von den DGB-Gewerkschaften gar nicht erfasst sind)

Ein gewisses Vorbild könnte die klassenorientierte Arbeiterbewegung in Japan mit seinem Flaggschiff Doro-Chiba sein. Wohlgemerkt: es geht um eine (im Prinzip formlose) Bewegung, nicht etwa um eine Strategie orientiert auf unabhängige Verbände. In jeder Hinsicht dürfen Revolutionäre sich hier nicht die Hände binden oder selbst schwächen.

Es gibt zwar in Deutschland kein DC und auch andere Besonderheiten (wie die amalgamisierten Gewerkschaften) gibt es bei uns nicht, aber es gibt sehr wohl (hauptsächlich aus alten linken Aktivisten bestehendes) Netzwerke klassenkämpferischer Gewerkschafter am Rande von DGB oder auch GDL. Es gibt autonome und „autonome“ Zusammenhänge vieler Art.

Berlin hat in einigen Stadtteilen eine ungewöhnliche Dichte von politischen Aktivisten.

Hier können die kleinen Propagandagruppen, die grundsätzlich eine Organisation der Revolutionäre schaffen wollen, in der Wiederbelebung der Organisation der Arbeiter praktisch zusammenarbeiten. Eine Annäherung gerade in der im Prinzip essentiellen Frage des Zieles einer Räterepublik kann nur auf der Basis gemeinsamer praktischer Arbeit wirklich gedeihen, und nur dann kann sie auch wirklich konkret diskutiert werden.

Im Grundsatz ist das Konzept der Klassenorientierten Arbeiterbewegung nicht wirklich neu.

Eine gute alte Losung ist die der Schaffung einer klassenkämpferischen Gewerkschaftsströmung, was nichts anderes bedeutet. Aber es ist mehr als eine Losung, es ist eine strategische Leitlinie für die Praxis. Damit es in den Prozessen um die „NAO“ auch nicht eine blosse Losung bleibt, sind Absprachen und Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Gruppen hinsichtlich folgender Strukturen sinnvoll:
- klassenkämpferische Basisstrukturen innerhalb der existierenden Apparategewerkschaften (damit schliesse ich GDL usw. ein); Beispiel FBGS
- Betriebsgruppen (gemeint sind offene und unabhängige, und nicht Organisationszellen irgendeiner Partei); Beispiel: Aktionsausschuss S-Bahn
- Stadtteilkomitees (als Hebel, um die arbeitslosen und prekären Teile des Proletariats zu organisieren); existieren zahlreich in Berlin (2 und 3 sehe ich als auch sinnvolle Konkretisierung des Konzeptes der “amalgamisierten Gewerkschaften” an).
Eine solche gemeinsame Praxis ist in Berlin durchaus vorstellbar und auch praktizierbar.

Zu allen genannten Strukturen existieren in Berlin auch konkrete Ansätze.

Ohne eine solche parallele gemeinsame Praxis muss jeder Annäherungsprozess auf einer „positionellen Ebene“ auch im luftleeren Raum hängenbleiben muss. Dies allein schon aufgrund der Tatsache, dass kleine politische Gruppen keineswegs nur an ihrem eigenen Anspruch gemessen werden dürfen. Man beurteilt ja auch ein Individuum nicht allein danach, wonach es sich dünkt, oder?

Auch kleine linke Gruppen mit riesigem politischen Anspruch sind letztlich Gruppen konkreter Personen mit konkretem Eigen(Gruppen)Interesse. Die Gruppendynamik überlistet gern das eitle Avantgarde-Bewusstsein vieler Kleingruppen, die eher als Sekten zu betrachten sind (insofern sie sich nicht wirklich auf die Klasse des Proletariats orientieren).

Ohne eine wirkliche Annäherung in Theorie UND Praxis kann eine Organisationsproklamation bestenfalls nur in einem „Prinzipienschacher“ enden. Das Schicksal einer NAO wäre dann noch tragischer als das der französischen NPA.
Die Verwässerung der eigenen Programmatik bis zur Unkenntlichkeit hat noch nie eine revolutionäre Bewegung vorangebracht.
Eine erneute Proklamation etwa einer diffusen „Vereinigten Sozialistischen Partei“ mit erneutem Abbau von Mitgliedern und Positionen seitens aller beteiligten Gründer bringt weder die Sache der Organisation der Arbeiter noch die der Organisation der Revolutionäre weiter.
Von daher schlage ich die Orientierung der Klassenorientierten Arbeiterbewegung als Leitlinie der Prozesse um eine „NAO“ vor und stelle sie zur Diskussion.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Zanon: Die Fabrik ohne Chefs

// Ein beispielhafter Kampf: ArbeiterInnenkontrolle als Antwort auf die Krise // Veranstaltung mit Raúl Godoy am 25. Mai um 18 Uhr im IG-Metall-Haus in Berlin //

Die ArbeiterInnen der argentinischen Keramikfabrik Zanon wurden inmitten der Wirtschaftskrise von 2001 von der Schließung ihrer Fabrik bedroht. Gegen die Angriffe von Seiten des Staates und der KapitalistInnen besetzten sie die Fabrik und führen seit inzwischen über 10 Jahren die Produktion unter ArbeiterInnenkontrolle weiter. Seither werden alle Entscheidungen in Versammlungen der gesamten Belegschaft beschlossen. 2009 wurde die Fabrik endgültig unter ArbeiterInnenkontrolle verstaatlicht. Von Beginn an haben die KollegInnen ihren Kampf nicht isoliert betrachtet, sondern Zanon zu einem Motor des Klassenkampfes gemacht. Denn „wenn wir eine Fabrik betreiben können, können wir auch ein Land betreiben“.

Raúl Godoy war einer der führenden Köpfe dieses Kampfes und Generalsekretär der Gewerkschaft der KeramikarbeiterInnen und -angestellten von Neuquén (SOECN). Heute teilt er den Parlamentssitz, den die Front der Linken und ArbeiterInnen (FIT) im Abgeordnetenhaus der Provinz Neuquén gewonnen hat. Am 25. Mai kommt er nach Berlin.

Die Reise von Raúl Godoy findet in einer Zeit statt, in der die Angriffe der herrschenden Klasse verschiedener europäischer Länder auf die lohnabhängige Bevölkerung immer schärfer werden. Aus dem Widerstand gegen diese Angriffe sind inzwischen verschiedene Erfahrungen von Selbstverwaltung und Produktion unter ArbeiterInnenkontrolle erwachsen. Die Tatsache, dass sich ähnliche Erfahrungen wie die von Zanon in den am meisten von der Krise betroffenen Ländern Europas zu entwickeln beginnen, zeigt, dass diese Erfahrung aufgearbeitet und verbreitet werden muss.

Aus diesem Grund befindet sich Raúl Godoy auf einer zweiwöchigen Reise durch Europa, wo er Paris, Barcelona, Athen, Thessaloniki und Berlin besuchen wird, um sich mit kämpferischen Sektoren der ArbeiterInnenklasse und der Jugend auszutauschen. Besonders hervorzuheben sind dabei die verschiedenen Erfahrungen der Selbstverwaltung von Fabriken, die von Schließungen oder Entlassungen bedroht waren, wie zum Beispiel die Metallfabrik Vio.me in Thessaloniki. Auch in Deutschland können und müssen wir davon lernen.
Veranstaltung mit Raúl Godoy

Samstag, 25. Mai, 18 Uhr
IG-Metall-Haus, Alte Jakobstraße 149
U-Bhf Hallesches Tor, Berlin

Mehr Infos zur Europareise von Raúl Godoy und den einzelnen Stationen seiner Reise auf
http://raulgodoyzanoneuropa.wordpress.com

VeranstalterInnen: Gruppe Arbeitermacht; Interbrigadas; Jugendorganisation REVOLUTION; Marxistische Initiative; Red Brain; Revolutionäre Internationalistische Organisation; Sozialistische Arbeiterstimme; Sozialistische Initiative Berlin; Waffen der Kritik.

UnterstützerInnen: AK Internationalismus in der IG Metall Berlin; Forum Betrieb, Gewerkschaften und soziale Bewegungen.

Freitag, 8. März 2013

Kritik am Konsensvorschlag von DGS, Sigmar, Georg und Tobi

Zur NAO-Debatte schreibt Dieter Elken von der Marxistischen Initiative eine

Kritik am Konsensvorschlag von DGS, Sigmar, Georg und Tobi

Fazit: [...] Der bisherige Ansatz, durch die Führung theoretischer Grundsatzdebatten einen breiteren inhaltlichen Konsens zu erreichen, ist in die Sackgasse geraten. Ob die Diskussion eines gemeinsamen Manifests weiter führt, ist angesichts der Tatsache fraglich, daß es dazu drei Entwürfe gibt.

Die Alternative, durch eine gemeinsame Praxis und Mobilisierungs- und Organisierungsarbeit außerhalb des linksradikalen Milieus einen gemeinsamen Ansatz zu einem neuen Parteibildungsprozeß zu schaffen, wird bisher nicht ernstlich diskutiert [...]

Mittwoch, 9. Januar 2013

naO-Diskussion: Vorschlag für ein Essential "Ökosozialismus"

Ökologie und revolutionäre Politik

Die Menschheit ist Teil der Natur. Ihre Entwicklung vollzieht sich im Austausch und in Wechselwirkung mit ihr. Aber dieser Austauschprozeß findet in entfremdeter Form statt, die Menschheit ist sowohl ihrer eigenen wie der außermenschlichen Natur entfremdet und in allen bisherigen Gesellschaftsformationen findet der Austauschprozeß mit der Natur chaotisch, ungeplant und im Wesentlichen ohne Kenntnis der Auswirkungen der Eingriffe in Naturkreisläufe statt.
Die kapitalistische Wirtschaftsweise hat diese Entwicklung umfassend auf die Spitze getrieben. Die andauernde Existenz des Kapitalismus hat die Menschheit an den Rand einer ökologischen Katastrophe geführt. Der Vorrang von Individualinteressen im Kapitalismus bedeutet Raubbau an der Natur aus Prinzip und bedeutet zugleich die Unvereinbarkeit des Kapitalismus mit einem nachhaltigen Umgang mit der menschlichen wie der außermenschlichen Natur. Eine Produktionsweise, die u.a. auf den beschleunigten Verbrauch fossiler Energieträger setzt, nimmt nicht nur Kriege zur Sicherung der knappen Energievorräte in Kauf, sie bedroht das Klima und ist ein Verbrechen an künftigen Generationen.
Die Entfesselung der materiellen Produktion und des materiellen Konsums wird so immer mehr zu einer massiven Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen nicht nur der Menschheit. Die Klimaerwärmung droht in eine Klimakatastrophe zu kippen. Der Stickstoffkreislauf ist massiv bedroht. Das Artensterben hat einen kritischen Punkt überschritten. Die atomare und chemische Verschmutzung hat längst einen für Flora und Fauna Existenz gefährdenden Grad erreicht. Da es ein ‚Weiter so!’ nicht geben darf, muß ein Bruch mit den alten Formen des Umgangs mit der Natur erfolgen. Der Bruch mit dem herrschenden ‚Mensch-Natur-Verhältnis’ muß daher Teil von Programmatik und Praxis einer neuen antikapitalistischen Organisation sein.
Dabei kritisieren wir alle Lösungsvorschläge wie ‚Zurück zur Natur!’ und Theorien über angeblich sich selbst genügenden kleinen lokalen oder regionalen Wirtschaftskreisläufen oder von ‚Konsumverzicht’ und ‚Gürtel enger schnallen’. Diese Vorschläge nennen Roß’ und Reiter nicht und eröffnen damit auch keine Perspektive. Erst recht solche seltsamen Überlegungen, die behaupten, daß es reichen würde, zerstörerische Technologien nur unter ausreichend demokratische Kontrolle zu stellen, damit sie ihren Charakter verlieren. Diese und ähnliche Überlegungen berücksichtigen nicht die globale Vergesellschaftung, die auch die Naturzerstörung nur in ihrer Totalität überwinden kann. Darum gilt es heute, die Kämpfe gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen umfassend zu unterstützen. Die entscheidende Lösung der ökologischen Krise ist nicht im Bereich der Konsumtion (Recyclingwirtschaft, Konsumverzicht, Bedürfnisregulierung) zu suchen, sondern im Bereich der Produktion (lineare Fertigung kontra Kreislaufwirtschaft.
Für uns ist die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit nicht eine von vielen zu lösenden Aufgaben, sondern Voraussetzung ihrer Existenz. Wir wissen aber auch, daß es sich um eine Aufgabe handelt, die auf der Basis der Anarchie der Warenproduktion, d.h. im Kapitalismus, grundsätzlich nicht lösbar ist. Profitwirtschaft und Aufrechterhaltung ökologischer Kreisläufe schließen sich mikroökonomisch, volkswirtschaftlich und weltwirtschaftlich aus. Voraussetzung eines Gleichgewichts zwischen menschlicher Gesellschaft und außermenschlicher Natur ist eine selbstverwaltete Planwirtschaft, die auf demokratischer Grundlage über Ressourceneinsatz und -verbrauch, Technologiefolgenabschätzung und die Produktionsziele (Produkte) entscheidet.
Der Kampf für eine ökologische Politik ist deshalb untrennbar mit dem Kampf für Sozialismus verbunden. Insofern – ist die ökologische Frage letztendlich primär eine Klassenfrage.


Postscriptum
(nur zur Kenntnis und nicht Bestandteil des Vorschlags für das Essential „Ökosozialismus“):

Folgende Sofort- und Übergangsforderungen hat die MI im Jahre 2006 im Bereich Ökologie für sinnvoll und bündnisfähig gehalten:
-die Einführung einer staatlichen Umweltverträglichkeitsprüfung für alle neuen Produkte;
-ein Verbot der gentechnischen Veränderung von Lebensmitteln
-ein Verbot der Klontechnologie und der Gen-Veränderungen am Menschen
-Vorrang für erneuerbare Energien, Verstaatlichung bzw. Kommunalisierung der Energiewirtschaft sowie die Abschaffung der Energiesubventionierung für die Großindustrie;
-kostenloser, steuerfinanzierter öffentlicher Personen-Nahverkehr, als Beginn eines ökologischen Umbaus;
-die Rückverlegung des Güterverkehrs auf die Schiene und das (vorhandene) Wasserstraßennetz durch Maximalsubventionierung bzw. Steuererleichterungen sowie die Zurückdrängung des Flugverkehrs auf Kurzstrecken.


Auszug aus der naO- Diskussion:


Oliver FourSeasons sagt:
19. Dezember 2012 um 16:09
Zur Einordnung: Was bisher geschah…

In der Essential-Diskussion im NaO-Prozess wurde unlängst ein neuer Vorschlag von der SoKo unterbreitet. In diesem wurde ein Essential vorgeschlagen, das in den vorherigen Texten nicht vorkam, mit der Überschrift „ökologischer Bruch“. Bei dem darauf folgenden Treffen der Essential-AG wurden dann einige Vorbehalte an der Formulierung geäußert und Dieter von der MI wurde beauftragt, einen Entwurf zu schreiben, der die Vorbehalte mit aufnimmt. Dieser Text ist in diesem Artikel dokumentiert. Noch während der Text geschrieben wurde, beschloss die Essential-AG in einer weiteren Sitzung ein verändertes Vorgehen: Es sollten zunächst bisherige Dissense und jetzt-schon-Konsense zu allen Essentials getrennt aufgelistet werden, um eine Übersicht und eine Eingrenzung der Diskussion zu ermöglichen. Diese Aufgabe habe ich im ersten Schritt wahrgenommen. Allerdings schien mir in den bisherigen Texten von SoKo und MI recht wenig zumindest dem Wortlaut nach konsensfähig, weshalb ich das, was ich für Konsense halte, neu formuliert habe. Weil ich aber nicht gleichzeitig eine Begründung abgeliefert habe, warum ich die Dissense für Dissense halte, konnte für SoKo und MI nicht einsichtig sein, warum so viel aus ihren Texten nicht mit aufgenommen wurde. Den Anfang einer Begründung habe ich in einer Mail versucht und Jürgen von der SoKo hat reagiert.

Der bisherige Verlauf der Diskussion soll hier mit allen Texten dokumentiert werden, um die weitere Diskussion zu eröffnen. Die Texte sind die folgenden:

1. Essential Ökologischer Bruch (SoKo)
2. Neuformulierung Essential Ökosozialismus von Dieter (MI)
3. Konsens-/Dissens-Vorschlag von Oliver (pærıs)
4. Präzisierung des vermuteten Dissenses von Oliver (pærıs)
5. Gegenposition zu Oliver von Jürgen (SoKo)
6. Gegenposition zu Jürgen von DGS (SIB)
7. Gegenposition zu DGS von Frank (SoKo)

1. Essential Ökologischer Bruch (SoKo)

Dieser Text ist hier zu finden.

2. Neuformulierung Essential Ökosozialismus von Dieter (MI)

Dieser Text ist dieser Artikel, zu dem mein Kommentar hier Kommentar gepostet ist.

3. Konsens-/Dissens-Vorschlag von Oliver (pærıs)

Hier zunächst der Konsensvorschlag, damit das Ganze nicht allzu unübersichtlich wird:

- Das Kapital muss jederzeit versuchen, die Produktionskosten gering zu halten. Deshalb kann es systematisch nicht an teurerer resourcenschonender Technologie als Produktionsmittel interessiert sein. Selbst wenn die Führungsriege eines Unternehmens gern resourcenschonend produzieren möchte, ist sie doch auf kurz oder lang durch die Konkurrenz gezwungen, preiswertere, im Regelfall nicht-resourcen-schonende Technologien anzuwenden.

- Das staatliche Verbot von bestimmten (resourcen-zerstörenden) Technologien hat dem ebensowenig entgegenzusetzen wie die Subvention resourcen-schonender Technologien, denn die Nutzung solcher Technologien geht immer nur genau so weit wie der Wortlaut des Verbots oder der Subventionsbestimmung. Gleichzeitig bleibt das Kapital erfinderisch und muss überall, wo der Wortlaut es nicht verbietet, weiterhin Kosten optimieren.

- Genauso ist es mit Biosiegeln etc., die es erlauben, Produkte teurer zu verkaufen, die bestimmte Produktionsbedingungen erfüllen. Auch hier bleibt das Kapital erfinderisch und versucht überall dort weiterhin kosten zu optimieren, wo die Bio-Definitionen nicht greifen.
Insgesamt also ist mit Kapital und Staat keine gesamtgesellschaftliche resourcenschonende Produktion zu erreichen, weil der Zweck des Kapitals, die Akkumulation desselben prinzipiell im Widerspruch zu aller Resourcenschonung steht, die teurer ist als vergleichbare zerstörerische Technologien.

- Soll der Zweck einer resourcenschonenden Wirtschaft also wirklich werden, so bedarf es des revolutionären Bruchs und der Abschaffung des Kapitalzwecks.

- Dieser Bruch kann nicht nur in einem Land stattfinden, sondern muss global sein.

- Die Lösung ist nicht in der Konsumtion zu suchen, sondern in der Produktion.

Und hier die Dissense, zunächst als Fragen:

- Was ist der Grund dafür, dass natürliche Resourcen nicht zerstört werden sollen? Ein esoterisches Konzept von „im Einklang mit der Natur leben“, oder schlicht, dass Menschen auch in ferner Zukunft noch solche Resourcen zur Verfügung haben, und dass sich ihre „natürlichen“ Lebensbedingungen auch in der Zukunft erhalten.

- Zugespitzt: Ist der Zweck die Natur oder ein möglichst gutes Leben zukünftiger Menschengenerationen? Beides muss nicht immer übereinstimmen. Wer zum Beispiel für Natur eintritt, muss prinzipiell gegen Genmanipulation sein, wer dagegen für Menschen eintritt, mag gute Gründe haben, Genmanipulation unter bestimmten Bedingungen sinnvoll zu finden.
Was bedeutet ein „Gleichgewicht“ im Mensch-Natur-Verhältnis?

- Was ist überhaupt Natur? Alles, was wir heute essen ist durch Jahrhunderte der Zuchtwahl entstanden. Kühe sind keine Natur, Wälder nicht, heutige Getreidesorten ebenfalls nicht. Das alles sind Produkte menschlicher Praxis. Wie weit geht und was bedeutet also „Naturschutz“ und „Mensch-Natur-Verhältnis“?

- Was bedeutet es, dass das Verhältnis von Mensch und Natur „entfremdet“ ist? Bedeutet das, dass der Kapitalzweck alle Verhältnisse zur Natur wesentlich mitbestimmt (siehe Konsense), oder bedeutet es mehr?

4. Präzisierung des vermuteten Dissenses von Oliver (pærıs)

Nachdem nicht allen einsichtig werden konnte, warum ich nicht mehr Konsense sehe, habe ich dazu per mail geschrieben:

Vielleicht als Hinweis für Euch, was mein Hauptproblem ist:

Ihr schreibt, es bedürfe eines veränderten Mensch-Natur-Verhältnisses. Ich dagegen meine, es bedarf eines anderen Mensch-Mensch-Verhältnisses, denn der gegenwärtige Umgang mit Ressourcen ist langfristig nicht gut für _Menschen_. Das “Mensch-Natur-Verhätnis” bleibt auch mit einem veränderten Verhältnis von Menschen (und damit meine ich zuallererst die Abschaffung des Kapitals) das, was es jetzt auch ist: Die Natur ist ein Mittel zur Produktion von Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung von Menschen. Die Natur ist kein Selbstzweck. Das einzige, was sich ändern muss, ist dass bei jedem zweckmäßigen Eingriff auch die langfristigen Folgen einkalkuliert werden müssen.

Was Ihr dagegen mit dem Begriff “Mensch-Natur-Verhältnis” etabliert, ob Ihr es wollt oder nicht, ist die Vorstellung von Mensch und Natur als zwei Entitäten, von denen jede für sich zu achten wäre. Dieter macht das noch krasser, indem er vom “Gleichgewicht” zwischen Mensch und Natur redet. Und da bin ich raus. Ich kämpfe nicht für die Natur.

Das Resultat ist meiner Meinung nach, dass von dem, was Ihr schreibt, genau das übrig bleibt, was ich als Konsens deklariert habe. Der Rest ist tendenziös in die beschriebene Richtung, und das ist Dissens.

5. Gegenposition zu Oliver von Jürgen (SoKo)

Jürgen antwortete auf meinen Kommentar:

Erst einmal zeigt mir der Text von Oliver, dass ich ein völlig anderes Verständnisse der Mensch – Natur Problematik habe als er.
Wir haben einen doppelten Bruch zur Kenntnis zu nehmen.

1. Wir, die menschliche Gesellschaft, sind dabei unsere eigene Lebensgrundlage zu vernichten. Das ist der 1. Bruch den wir gerade vollziehen.

2. Der Widerstreit mit der Natur besteht solange, wie menschliche Gesellschaften naturwüchsig, also unbewusst ihren Stoffwechselprozess mit der Natur organisieren.

3. Die kapitalistische Gesellschaftsformation hat diesen Widerstreit auf die Spitze getrieben.

4. Dadurch sind wir gezwungen unseren Stoffwechselprozess mit der Natur neu (auf bewusster Grundlage) zu Gründen. Das ist der 2. Bruch den wir vollziehen müssen.

Was Oliver überhaupt nicht sieht ist, dass der Widerstreit (Widerspruch Mensch Natur) mit der Natur auch schon vor der kapitalistischen Gesellschaftsformation bestanden hat und darum auch nicht durch eine einfache “Abschaffung des Kapitals” gelöst werden kann. Neben dem dass ich ich nicht weis was Oliver unter “Abschaffung des Kapitals” überhaupt versteht, sehe ich mit Interesse doch eine Parallele zur Genterdiskussion, aber scheinbar mit umgekehrten Vorzeichen, hier auf uns zukommen. Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlage durch menschliche Gesellschaften ist älter als der Kapitalismus und wir auch dann nicht mit der Abschaffung des Kapitals überwunden, wenn die Menschen ihren Stoffwechselprozess mit der Natur neu Gründen.

In unseren Texten unterscheiden wir: Erste Natur, zweite Natur und die Natur des Menschen. Alle diese Beziehungen stehen in einem dialektischen (sich also beständig bewegenden) Verhältnis. Ich bitte das in besonderen Masse zu beachten Darum fasst Olivers Bezeichnung von Natur als Mittel zu Bedürfnisbefriedigung überhaupt nicht die Komplexheit des Mensch – Natur Verhältnis. Das wir nur Ressourcen langfristig erhalten sollen ist doch arg wenig. Es ist nicht nur damit getan zu problematisieren, was wir entnehmen sondern was wir auch an die Natur abgeben (ausscheiden). Es gibt also auch einen Stoffwechselprozess des Menschen zur Natur. Ja, ich würde sagen, dass Olivers Definition des Verhältnisses zu Natur und seine Verkürzung auf das Kapital uns geradewegs den Teppich unter den Füssen wegzieht.
Nach meiner Überzeugung ist der Widerspruch zwischen Natur und der Gattung Mensch ein Nebenwiderspruch, der aber, da nicht behandelt, zum alles überlagernden Widerspruch herranreift.
Auch denke ich weder in Gleichgewichten noch in Gleichzeitigkeiten.



Dieter Elken:
Zur Diskussion des Entwurfs für ein Essential „Ökologie“

„Im Einklang mit der Natur leben“ – ein esoterisches Konzept?
Letztendlich läßt sich alles mystifizieren, ob nun das Verhältnis von menschlicher Gesellschaft und außermenschlicher Natur oder zwischenmenschlicher Beziehungen. Aber zu den esoterischen Mystifizierungen rechnet ganz sicher nicht das Bemühen um die naturwissenschaftliche Erkenntnis der Zusammenhänge natürlicher und gesellschaftlicher Faktoren und ebensowenig das Bemühen um die Beachtung von Naturgesetzen und – wenn irgend möglich – den Erhalt der Regenerationsfähigkeit natürlicher Kreisläufe – einschließlich der Regenerationsfähigkeit der menschlichen Gesellschaft.
Selbstverständlich, aber keineswegs der Mehrheit der Menschheit bewußt, ist jede menschliche Produktion immer Eingriff in die Natur, Veränderung und somit Gestaltung der außermenschlichen Natur wie der Menschheit selbst. Diese Eingriffe verteilen Ressourcen nur um, sie verschwinden nicht, aber sie verändern drastisch die Bedingungen künftiger Produktion und Konsumtion. Verantwortungsbewußter Umgang mit den natürlichen Ressourcen hat nichts mit Esoterik zu tun. Eingriffe in die Natur ohne Rücksicht auf deren Folgen und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse künftiger Generationen – das findet im Kapitalismus als Normalfall statt.
Aus materialistischer Sicht und ganz ohne Mystik und esoterische Verklärung gibt es daher keinen Anlaß, Formulierungen wie „im Einklang mit der Natur“ aufzugeben. Nur eine explizit sozialistische und materialistische Politik kann diese Zielsetzung Wirklichkeit werden lassen. Klar, ein esosterisches Konzept ökologischer Politik kann die v.g. Formel in eine anti-industrialistische, romantische Vorstellung einer vorwissenschaftlichen Idylle verwandeln – so wie es bei manchen Grünen der Fall war und wohl noch ist. Die wirkliche Frage lautet aber, was die am naO-Prozeß beteiligten Gruppen vertreten.

Hat die Natur irgendeinen Zweck?
Der zweite von Oliver genannte Dissens ist selbst als Alternative formuliert unakzeptabel: Die Natur hat keinen außer ihr selbst liegenden, besonderen Zweck, auch keinen Selbstzweck. Auch ein „gutes Leben“ künftiger Menschengenerationen ist kein solcher Zweck sondern allenfalls ein mit dem Kapitalismus in Konflikt stehendes Ziel, aber weder eines , das irgendeine herrschende Klasse der Gegenwart motiviert noch eines, das gegen die außermenschliche Natur verwirklicht werden kann. So abstrakt formuliert wie von Oliver ist es politisch nichtssagend.
Daß sich Oliver in der Ökologiedebatte sowohl gegen die Benennung zweier „Entitäten“, nämlich der menschlichen Gesellschaft und der außermenschlichen Natur wie auch gegen die besondere Betrachtung des Verhältnisses dieser Entitäten wendet, halte ich für weltfremd. Wie kann jemand ignorieren, daß die menschliche Gesellschaft als Teil der Natur in dieser eine besondere Stellung einnimmt? Keine andere biologische Art hat die restliche Natur so geprägt und umgeformt wie die Menschheit, keine andere Art hat ihre eigene Entwicklung so weit nach eigenen, sozialen Gesetzmäßigkeiten gestaltet. Dies zu ignorieren ist nicht sehr originell. Leben wir auf dem demselben Planeten?

Entfremdung zum ersten
Weil Oliver diesen Austauschprozeß nicht in seiner Komplexität erfaßt, unterstellt er dem Marxismus, folgendes: „Dass Menschen die naturzerstörenden Verhältnisse, die sie selbst hervorgebracht haben, nicht als gesellschaftliche Verhältnisse begreifen, hieße mit Marx erst einmal, dass es einen Fetischcharakter der Natur gebe, nicht Entfremdung. Selbst das würde ich anzweifeln: Dass das gegenwärtige Problem mit der Natur durchaus als gesellschaftliches erkannt wird, erklärt ja den großen Aufstieg der Grünen. Wie dem aber auch sei, ob Fetischcharakter oder nicht, um Entfremdung handelt es sich hier sicher nicht: Entfremdung hieße doch, dass etwas, das das Produkt von Menschen ist, ihnen als ein Fremdes, Äußerliches entgegentritt.“
Das trifft in keiner Hinsicht zu. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die die außermenschliche Natur zerstören, sind nicht identisch mit dem Austauschprozeß der menschlichen Gesellschaft mit der außermenschlichen Natur. Auch im Kapitalismus sind daher Produktionsverhältnisse nicht identisch mit dem stofflichen Prozeß der Produktion und der Konsumtion. Es gibt einen Fetischcharakter der Ware, aber nicht der Natur. Oliver entgeht, daß der Warenfetisch nur ein Spezialfall der Entfremdung ist.
Die reale Mystifizierung der Natur ist dementsprechend das Resultat nicht der Projektion gesellschaftlicher Verhältnisse auf die außermenschliche Natur, sondern des mangelnden Verständnisses natürlicher Entwicklungsprozesse. Ebenso wie das mangelnde Verständnis gesellschaftlicher Verhältnisse die Grundlage biologistischer Erklärungsversuche für gesellschaftliche Verhältnisse ist. Was schließlich die Behauptung soll, daß „das gegenwärtige Problem mit der Natur durchaus als gesellschaftliches erkannt wird“, woraus sich der Aufstieg der Grünen erkläre, erschließt sich auch wohlwollenden Lesern nicht. Daß die menschliche Gesellschaft in die Natur eingreift, ist so vordergründig schlicht, daß es keiner tiefschürfenden Erkenntnis oder Analyse bedarf. Die jetzt erreichte Qualität der Umweltvernichtung aber ist bedingt durch die kapitalistische Formbestimmtheit des Austauschprozesses zwischen menschlicher Gesellschaft und außermenschlicher Natur. Die Grünen belegen mit ihrem Unverständnis für diese wirklichen gesellschaftlichen Ursachen der immer größer werdenden Umweltzerstörungen und ihren hilflosen umweltpolitischen Rezepten (letztlich nur Appelle an das Gutmenschentum der herrschenden Klasse), daß sie die gesellschaftlichen Triebkräfte der fortschreitenden Umweltkrisen nicht verstanden haben. Sie predigen ausschließlich profitorientierten Kapitalverbänden Bescheidenheit und Zurückhaltung und geben ansonsten mit Bio-Zertifikaten in Supermärkten zufrieden. Damit bewegen sich die Grünen auf niedrigerem Niveau als die Wandervogelbewegung und die Jugendstilbewegung vor über 100 Jahren mit ihrem naturalistischen Protest gegen die Gleichförmigkeit und Naturfeindlichkeit des früheren Industrialismus.

Zu Genmanipulationen
Es mag sein, daß Genmanipulationen „unter bestimmten Bedingungen“ sinnvoll sein können. Die am naO-Prozeß teilnehmenden Gruppen und Individuen müssen aber die Frage beantworten, ob sie heute, unter spätkapitalistischen Bedingungen, die Entwicklung von Gentechnologien unter dem Primat des Kapitalverwertungsinteresses befürworten wollen. Von der gesellschaftlichen Realität abstrahierende „Was-wäre-wenn“-Diskussionen bringen uns nicht weiter.

Entfremdung von der Natur zum zweiten
Das Verhältnis der Menschheit zur Natur ist bis jetzt schon immer entfremdet gewesen, beginnend mit der weitgehenden Unkenntnis naturgesetzlicher Zusammenhänge, der Mystifizierung und Vergötterung von Naturerscheinungen. Die Entwicklung der Naturwissenschaften hat die Formen der Entfremdung tiefgreifend verändert, aber sie nicht aufgehoben.
Ich nenne eine Gesellschaft, die die außermenschliche Natur im Namen des Privateigentums und ohne umfassende Kenntnis der Folgen von Eingriffen in diese Natur zum Gegenstand des privaten Verbrauchs macht – zunächst im Bereich der gesellschaftlichen Produktion, aber auch im Bereich der Konsumtion- ebenfalls entfremdet von der Natur.
Natur verstehe ich dabei umfassend: Die menschliche Gesellschaft ist Teil der Natur. Sie entwickelt sich zwar wesentlich nach eigenen, sozialen Gesetzmäßigkeiten, bleibt aber abhängig von der Naturentwicklung insgesamt.
Im Kapitalismus hat die scheinbare Beherrschung der außermenschlichen Natur durch die menschliche Gesellschaft das Verhältnis zu außermenschlichen Natur insgesamt nicht entscheidend verbessert. Ohne ausreichende Kenntnis natürlicher Zusammenhänge und Wechselwirkungen wird im Kapitalismus in immer größerem Maßstab in Naturkreisläufe eingegriffen. Die Folgen dieser Eingriffe werden kaum oder gar nichtberücksichtigt. Auch nicht die Folgen für große Teile der Menschheit (z.B. Klimaveränderungen). Die Menschheit handelt dabei gesellschaftlich, aber ihre Teile sind sich dessen nicht bzw. nicht ausreichend bewußt. Sie kontrollieren weder die Entwicklung der Gesellschaft noch sind sie in der Lage, den Austauschprozeß zwischen menschlicher Gesellschaft und der außermenschlichen Natur (=gesellschaftliche Produktion und Konsum) insgesamt zu kontrollieren. Dieses wechselseitige Verhältnis wird verdrängt, mystifiziert und banalisiert. Kurz: Die Menschheit ist insgesamt der Natur entfremdet. Entfremdung meint also weit mehr als nur Veränderung der Natur nach den Bedürfnissen des Kapitals. Ich halte daher den Begriff der Entfremdung für unverzichtbar.

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